Auswandern nach Spanien (Kulturschock)

 

Auswandern nach Spanien - Kulturschock
Wenn man sich als Deutscher entscheidet, in Spanien zu leben, dann hat das meist gute Gründe. Bei mir waren es vor allem das Klima und die Leute. Mir ging die Verkrampftheit in Deutschland auf die Nerven.


Ich lebe jetzt seit vier Jahren in Toledo und genieße es aus vollem Herzen. Dennoch gibt es kulturelle Unterschiede, mit denen ich auch nach vier immer noch manchmal zu kämpfen habe. Das sind die zehn wichtigsten Dinge, auf die ihr euch gefasst machen müsst, wenn ihr in Spanien leben wollt:


1. Ladenöffnungszeiten.

Die gute alte spanische Siesta...Wie oft passiert es, dass ich irgendetwas besorgen will und es ist gerade 3 Uhr nachmittags. Nun muss ich bis 5 oder 6 Uhr warten, bis die Geschäft und Büros wieder aufmachen. Besonders hart ist es dann, wenn ich bis 6 Uhr warte und dann feststelle, dass heute ausgerechnet Montag ist, denn Montags haben fast alle Geschäfte zu. Meine innere Uhr tickt halt immer noch nach deutscher Zeit, also habe ich schon um 1 Uhr zu Mittag gegessen und nicht erst um 3.

2. Service.

So nett und herzlich die Spanier in der Regel ja sind, das Wort Service haben sie nicht erfunden. Und da heißt es immer 'Servicewüste Deutschland'. In so manch einem Laden bin ich schon kurz davor, mich für die Störung zu entschuldigen, wenn ich den Dicken hinterm Tresen aus seinem Tiefschlaf holen muss, um der dummen Kundin mit der Ware auszuhelfen. Auch beim Warenumtausch können die Spanier richtig stur sein. Ich habe ein Fenster gekauft, wo ein Scharnier fehlte und der Verkäufer beschuldigte mich tatsächlich, dass ich das selbst herausgenommen hatte.

Auch beim Kauf einer Arbeitsplatte gab es neulich ein Gefecht. Der Azubi hatte die Platte falsch geschnitten und wollte, dass ich sie bezahle. Glücklicherweise kam die Guardia Civil dazwischen, bevor der cholerische Verkäufer handgreiflich wurde. (Die Polizei in Spanien ist übrigens in der Regel sehr freundlich, ganz anders als ich es in Deutschland gewohnt war...:))

3. In Gesellschaft.

Bei Partys zu Hause geht es oft doch sehr anders zu als in Deutschland. Alle reden gleichzeitig, was sag ich da reden – schreien – aufeinander ein. Zwischendurch wird heftigst geflucht.

'Callate coño, me has jodido la puta chaqueta, gilipollas...' ('Halt die Klappe, Idiot, du hast meine H****n-Jacke gef****t, A****l***!'). Und das ist ganz normaler Umgangston, selbst in im Kundengespräch...

Ich bin da also eher der stille Beobachter, der sich das ganze Szenario amüsiert anguckt und sich nicht selten fragt: 'was mache ich eigentlich hier??'.

4. Das Problem sich auf etwas festzulegen.

Es scheint unmöglich zu sein, eine klare und präzise Antwort aus der Nase eines Spaniers zu ziehen. Geh mal in ein Geschäft und frag irgendetwas, ich kann dir die Antwort schon im Voraus geben: depende (kommt drauf an)...Das folgende Gespräch hat wirklich so ähnlich stattgefunden, als mein Mann und ich den Preis eines Fensters wissen wollten. Es war in einer Exposición und wir wollten nur ungefähr wissen, in welchem Rahmen sich die ausgestellten Stücke bewegten.

Mein Mann: Ich möchte ein Fenster kaufen, wieviel kosten die Fenster bei euch?

Verkäufer: Kommt drauf an. Kann ich nicht sagen.

MM: Ein ganz normales Standardfenster.

V: Das kommt auf die Maße an.

MM: Nehmen wir zum Beispiel dieses Fenster hier: 1x1m. Wieviel kostet das.

V: Das kommt auf das Material an.


MM: Aluminium, genau wie dieses. Wieviel kostet dieses Fenster hier, genauso wie es hier steht?

V: Kann ich so nicht sagen, kommt drauf an, ob da ein Rollo bei ist oder nicht.

MM: Mit Rollo, genauso wie dieses hier. Wieviel?

V: Das kommt auf die Fabrik an, wieviel Material die verbrauchen.

MM: Hä?

V: Ein Stück Aluminium ist soundso groß, je nach dem, wie viele Fenster die daraus machen können und wieviel weggeschmissen wird.

MM: Also sagen wir 10 Fenster von dieses hier. 1X1m, Aluminium, mit Rollo, 10 Stück. Das kann doch nicht so schwer sein.

An diesem Punkt waren wir schon am Rande der Verzweiflung. Wir versuchten noch eine Weile weiter, verließen den Laden aber ohne Preis.

5. Patriotismus.

Ich verstehe ja, das sie ihr Land lieben, aber die Spanier können sich manchmal wirklich dranhalten, wenn sie von ihrem Land schwärmen. Spanien ist das Beste, Schönste von allen Ländern auf der Welt. Und die prominenten Spanier (siehe Fernando Alonso) sind grundsätzlich die besten überhaupt. Ich frage mich nur, wie die Spanier wissen können, das Spanien besser und schöner ist als, sagen wir Frankreich, wo doch kaum ein Spanier je sein Land verlässt. Die schlimmsten sind die, die wirklich noch niemals irgendwo anders waren.

6. Mi casa es su casa.

Die Offenheit und Herzlichkeit mit der man in der Spanischen Gesellschaft als Fremder aufgenommen wird, ist super. Manchmal geht es mir persönlich doch ein bisschen zu weit in die Privatsphäre. Wenn mich irgendein Nachbar, mit dem ich kaum drei Worte gesprochen habe, in sein Haus einlädt, um es mir zu zeigen, denn nun, da wir ja Freunde sind, kann ich mich da wie zu Hause fühlen, ist das sehr nett. Aber ehrlich gesagt muss ich nicht unbedingt anderer Leute Schlafzimmer bewundern, wo die Unterwäsche von letzter Nacht auf dem Boden liegt...

7. Arbeitsmoral.

Es macht wirklich nicht immer Spaß, mit Spaniern zusammen arbeiten zu müssen. Wenn der Arbeitstag um 8 Uhr beginnt, trudelt man dann so gegen 9 ein mit den Worten: 'Mann, ich bin noch gar nicht richtig wach, ich muss jetzt erstmal einen Kaffee trinken'. Weg sind sie. Danach dann erstmal zur Toilette und schon ist wieder Zeit für eine Zigarettenpause. Der Chef kommt rein und hat Glück, jemanden anzutreffen, also gibt er seine Anweisungen. Dummerweise macht er den Fehler, den Arbeitern den Rücken zuzukehren, denn schon ist der Raum leer. Die Firma kann schließlich froh sein, solche Mitarbeiter zu haben, da kann man sich ruhig alles erlauben.

8. Der Spanier und sein Gemüsegarten.

Jeder, der ein Fleckchen Erde zur Verfügung hat, züchtet sich in fast schon professionellen Maße sein Gemüse. Hier wird alles angebaut, von Tomaten über Knoblauch, Zwiebel und Bohnen zu Auberginen und Zucchini. Und die verstehen da wirklich was von! Doch mir ist der Sinn dieser Übung bislang verborgen geblieben, wo die Spanier doch so gut wie kein Gemüse essen. Für uns ist das natürlich schön, denn wir sind Vegetarier und unsere Nachbarn liefern ihr Gemüse immer tütenweise (!) bei uns ab, da es ja sonst 'kaputt geht'. Hmm. Jedem das Seine.

9. Essgewohnheiten.

Die Spanier und ihr Fleisch. Als Vegetarier kann man es da schon schwer haben. Ich wäre allerdings hier in Spanien zum Vegetarier geworden, wenn ich es nicht schon vorher gewesen wäre, denn was da manchmal auf den Tisch kommt, kann (für unsereins) schon eher unappetitlich aussehen. Meist ist es auch undefinierbar. Ich bin da ja immer fein raus, wenn mir was angeboten wird, denn sie wissen ja alle, dass ich kein Fleisch esse, aber wenn unsere Eltern kommen, müssen die immer alles Mögliche probieren, was ich vielleicht eher in einen Hundenapf tun würde.

10. Privatsphäre.

Sind sie auf der einen Seite sehr offenherzig, so ist ihnen ihre Privatsphäre doch heilig. Sie bauen ihre Zäune so hoch, dass man buchstäblich das Haus dahinter nicht mehr sehen kann, da es ja auch außerdem mit Weinreben überwuchert ist. Jedes Fleckchen, wo jemand durchspingsen könnte, wird mit Sichtschutz verhangen. Würden wir das in Deutschland tun, würden uns die Leute mit Sicherheit die Polizei auf den Hals hetzen, denn man hat ja ganz offensichtlich was zu verbergen...


Doch trotz alledem liebe ich das Leben hier, denn man lebt hier unkomplizierter. Vor allem wird man in Ruhe gelassen. Und nicht zuletzt ist das Klima hier fantastisch. Da es den perfekten Ort auf der Welt nun mal nicht gibt, kann ich mich hier wohl nicht beklagen, auch wenn mich die o.g. Punkte manchmal stören. Ich kann es jedenfalls sehr empfehlen, nach Spanien auszuwandern.

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