Wie mein Vater mir meine Karriere versaute

Geschäftsfrau mit Aktentasche
1971 wurde unsere älteste Tochter geboren. Als ich in den Mutterschaftsurlaub ging, fragte mich mein Vater, mit dem ich zusammen in einer Spedition arbeitete, ob ich denn nach der Geburt weiterarbeiten würde, meine Mutter könne sich ja um das Kind kümmern. So hatten mein Mann und ich uns das allerdings nicht vorgestellt! Da die Möglichkeit einer Heimarbeit früher noch nicht so verbreitet war, machte ich meinem Vater den Vorschlag, erst einmal abzuwarten und wenn es ginge, dann zu hause anfallende Schreibarbeiten zu machen. Main Vater willigte ein.


Als unsere Tochter 3 Monate alt war, begann ich mit der Heimarbeit. Ich wähnte mich glücklich, eine solche Möglichkeit ergattert zu haben. Es ging genau zwei Monate gut. Dann bekam ich eines Abends einen Anruf meiner Mutter, sie wolle mich schon einmal vorbereiten, dass der Chef der Spedition mich entlassen habe. Ich verstand die Welt nicht mehr, denn ich hatte gute Arbeit geleistet und mir nichts zuschulden kommen lassen. Auch als meine Eltern später bei mir vorbei kamen, bekam ich weder eine klare Antwort noch ein Kündigungsschreiben vorgelegt.


Als mein Mann die Geschichte erfuhr, suchte er am nächsten Tag einen Rechtsanwalt auf, um sich über die Rechtslage zu informieren. Dieser sagte ganz offen, dass die Sache faul wäre. Dann erfuhr ich, dass ich außer den gesetzlich vorgeschriebenen 8 Wochen Mutterschutz noch 4 Monate Kündigungsschutz hatte, und mir für diese Zeit auch Bezahlung zustand. Wir konfrontierten meinen Vater mit dieser Tatsache, woraufhin er sehr aggressiv wurde. Aber ich bestand auf meinem Recht. Welche Rolle mein Vater bei alldem spielte, verstanden wir damals noch nicht.

Ein paar Monate später traf ich durch reinen Zufall meine ehemalige Chefin. Den Bruchteil einer Sekunde überlegte ich, einfach vorbei zu gehen. Aber dann begrüßten wir uns doch und sie meinte, sie und ihr Mann hätten es sehr bedauert, dass ich nicht wiedergekommen sei. Auf meine Antwort, ihr Mann habe mir doch durch meinen Vater ausrichten lassen, ich sei entlassen, beschlossen wir, einen Kaffee trinken zu gehen und uns darüber zu unterhalten. Und dann erfuhr ich, dass mein Vater ihnen gesagt hatte, ich würde nach dem Mutterschaftsurlaub nicht mehr wiederkommen. Er hatte auch eine Kündigung von mir vorgelegt, die ich nie geschrieben hatte. Die zwei Monate Heimarbeit muss mein Vater aus eigener Tasche bezahlt haben und da das ja irgendwann herausgekommen wäre, wurde ich kurzerhand „entlassen“. Er hatte nur nicht mit unserem Widerstand gerechnet.
Ich bat meine ehemalige Chefin bei unserem Gespräch, die Sache auf sich beruhen zu lassen.

Ich fuhr anschließend zu meinen Eltern und konfrontierte meinen Vater – ohne Beisein meiner Mutter – von dem Ergebnis der Unterredung. Als Begründung für sein verhalten gab er zur Antwort, dass es ihm und seiner Frau im Krieg schlecht ergangen sei und er sei der Meinung, mein Mann und ich müssten auch kämpfen lernen. Uns sollten nicht die gebratenen Tauben in den Mund fliegen. Die ganze Aktion war also im Grunde gegen meinen Mann gerichtet! Mir wurde fast schlecht vor Zorn. Meinem Vater sagte ich noch, dass mich nur die Tatsache, dass er mein Vater sei davon abhalten würde, zum Arbeitsgericht zu gehen. Vielleicht hätte er seine Stellung verloren, vielleicht wäre die Ehe meiner Eltern daran zerbrochen, dieser Preis war mir zu hoch. Und ich begriff in diesem Moment, dass mein Vater ein Mann war, der für seine Familie sagte, aber gleichzeitig versuchte, die Menschen zu seinem Vorteil zu manipulieren.

Ich schwor mir in diesem Augenblick, nie wieder einen Fuß in eine Büro zum Arbeiten zu setzen. Diesen Schwur habe ich bis heute gehalten.


Nach der Geburt meiner zweiten Tochter bekam ich eine Anstellung auf einem Bauernhof, der sich in der Nähe unserer Wohnung befand. Mein Aufgabengebiet war seht vielfältig und ich wurde wie ein Mitglied der Familie behandelt. Dort arbeitete ich 28 Jahre lang, bis mein Mann in Rente ging und wir wegzogen.
Als meine Schwiegermutter starb, habe ich lange um sie getrauert, als mein Vater vor 11 Jahren starb, hielt sich meine Trauer in Grenzen. Ich habe ihm sein Verhalten nie verzeihen können.
Mein Fehler vor dieser Geschichte war, dass ich meinem Vater vertraute und ihm keine Gemeinheit zugetraut habe.

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