 Ammenmärchen gibt es besonders rund um die Schwangerschaft. Eigentlich stammt der Begriff aber aus der Zeit, als Ammen noch die Kinder hüteten, was meist der Fall war, wenn die Familie adlig war, oder doch zumindest zum besseren Stand gehörte und Hausangestellte besaß.
So sagt man, dass der Begriff sich im 18. Jahrhundert geprägt hat, um die Geschichten herum, die die Ammen ihren anvertrauten Schützlingen erzählten. Dabei sollen sie nicht gerade die sanfte Methode bevorzugt haben, sondern schauerliche Geschichten gewählt haben, um die Kinder ins Bett zu gruseln.
Noch herrschte ja die Tradition, die Kinder mit Zucht und Ordnung zu erziehen, so fand man auch hier eine Möglichkeit, die Kinder schön streng unter Kontrolle zu halten.
Zu den Ammenmärchen zählen vor allen Dingen überlieferte Volksweisheiten, die auf nicht zu beweisenden Tatsachen beruhen.
Diese haben immer entweder mit Aberglauben zu tun, oder aber mit übertriebenem Wunschdenken, denn es sind meist Mittel und Wege beschrieben, wie man das Schicksal beeinflussen kann, oder zumindest vorzeitig herausfindet, was in ihm vorgesehen ist.
So finden sich heutzutage besonders viele Ammenmärchen rund um das Thema Schwangerschaft, hier fallen die Ammenmärchen auf besonders fruchtbaren Boden, denn alle werdenden Eltern interessiert es, ob sie einen Jungen oder ein Mädchen bekommen.
Außerdem konnte man zu früheren Zeiten noch nicht in der selben Weise wie heute die Gefahren einschätzen, die zu Verlusten der Schwangerschaften führte. So besagt ein Ammenmärchen, dass man sich nicht strecken darf, damit die Nabelschnur nicht reißt.
Will man das Geschlecht vor Geburt bestimmt wissen, so hält man Ausschau, ob gewisse Anzeichen zutreffen, wie z.B. wenn man während der Schwangerschaft kaum Übelkeit verspürt, oder ständig kalte Füße hat, dann bedeutet dies, dass es ein Junge wird.
Wenn man während der Schwangerschaft aufblüht, wird es ebenfalls ein Junge, sieht man eher matt und abgeschlagen aus, dann wird es ein Mädchen.
Ein weiteres Ammenmärchen besagt, dass viel Übelkeit während der Schwangerschaft bedeute, dass man das Kind ablehnt.
Es finden sich eine Unzahl an Ammenmärchen, die alle mehr oder weniger glaubwürdig scheinen, wenn man an sie glauben will.
Viele Leute sind davon überzeugt, dass in solchen Weisheiten auch immer ein Fünkchen Wahrheit steckt, denn oft träfen die Ammenmärchen tatsächlich zu. Dies gilt aber kaum, wenn sie durch die Wissenschaft widerlegt werden konnten, trotzdem halten sich viele Ammenmärchen weiterhin hartnäckig.
Vielleicht hat das Ganze auch eher etwas damit zu tun, dass Menschen so einen Weg finden, sich in die Dinge und Angelegenheiten anderer einzumischen. Schließlich ist es unheimlich interessant, waghalsige Vermutungen auf ihre Genauigkeit hin zu überprüfen. Man bekommt so etwas wie einen Freibrief, um indiskret zu werden. Die Dynamik der Ammenmärchen dürfte also auch eine Art von Sensationssucht befriedigen.
Die Mutter oder Schwiegermutter darf plötzlich Kommentare, wie „hoffentlich habt ihr bei der Zeugung keinen Alkohol getrunken, sonst wird das Kind Alkoholiker“ machen, ohne, dass ihr dabei böse Absichten unterstellt werden müssen.
Wer einen Storch auf dem Feld sieht, sollte streng kontrollieren, ob er die Pille nicht vergessen hat, wenn er zur Zeit keinen Kinderwunsch hegen sollte, denn Störche bringen ja bekanntlich die Kinder.
Stellt man auch nur die geringsten Übereinstimmungen fest, so gibt dies Grund zu Erzählungen und Verallgemeinerungen und dem Bestätigen von Ammenmärchen.
Auch wenn man nun überhaupt nicht an Ammenmärchen glauben sollte, sie für gewöhnlich als Humbug abgetan hat, so sollte man ihre Macht nicht unterschätzen, denn wie gesagt fruchten sie umso mehr, je stärker man einen den Wunsch verfolgt, auf den sie sich beziehen.
Es kann also passieren, dass der Aberglaube doch siegt und man sein Verhalten zu ändern versucht zu ändern, nur für den Fall, dass doch etwas dran sein sollte.
Schließlich gibt es Ammenmärchen, die sich in irgendeiner Form bewahrheitet haben, wie z.B. dass Katzen kleinen Babys den Atem stehlen. Es hat Fälle gegeben, wo sich Katzen auf das Gesicht des Babys gesetzt haben, weil es dort kuschelig warm war, und sie so zum Ersticken brachten.
Ob man deshalb alle Ammenmärchen ernst nehmen sollte, bleibt sehr zweifelhaft.
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